Samstagabend: Es ist 18:00 Uhr. Der Markt ist geschlossen und die letzten Besucher machen sich auf den Heimweg. Aber was passiert dann auf der Burg?
Unser Verein hat viele Gäste, die nicht nur zu den Abendveranstaltungen der Eurowoche im Sommer kommen, sondern die auch regelmäßig unseren Advents- und Ostermarkt besuchen. Es ist längst bekannt, dass der Erlös aus den Märkten zur Finanzierung der Europäischen Jugendwoche benötigt wird. Darum soll an dieser Stelle etwas anderes ins Blickfeld gerückt werden.
Die treuen Besucher finden auf den Märkten im Advent und in der Zeit vor Ostern viele vertraute Gesichter auf der Burg. Etliche Besucher und Aussteller kennen sich seit langem: ihre Waren und ihre kunsthandwerklichen Erzeugnisse werden bereits erwartet. Immer gibt es auch gute Bekanntschaften zwischen den Gästen und unseren Mitgliedern. Darüber hinaus ist aber wenig über die Verbindung unseres Vereins zu den Ausstellern, ohne die unsere Märkte ja nicht stattfinden könnten, bekannt. Dabei ist es eine ganz spezielle Freundschaft. Ich will deshalb den Vorhang ein wenig lüften und erzählen, was an den Abenden der Märkte erlebt und was aus der langen Markttradition erinnert wird.
Samstagabend: Es ist 18:00 Uhr. Der Markt ist geschlossen und die letzten Besucher machen sich auf den Heimweg. In der Burg ist es aber noch längst nicht still. Die Marktstände werden versorgt und für den nächsten Tag vorbereitet. Überall wuseln die Mitglieder und Aussteller, bis sich eine Stunde später alle im Speisesaal zum gemeinsamen Essen versammelt haben. Es ist laut und geschwätzig, es wird gegessen, gelacht und von den Ereignissen am Tag berichtet. Später wird es ruhiger. Man lauscht gespannt dem Vorstand und dem Marktbetreuer, die kurz über Zahlen und Fakten des ersten Markttages berichten. Jetzt langsam fällt die Anspannung ab. Eine Mischung aus satter Zufriedenheit und glücklicher Müdigkeit stellt sich ein. Schließlich wird es besinnlich. Im Kamin des Speisesaals wird ein Feuer entzündet, die Musiker spielen bekannte Lieder und gemeinsam wird gesungen. Manchmal werden kleine, heitere Geschichten vorgelesen. Oder es gibt ein Spiel.
Es ist eine große Gemeinschaft, die dort gemütlich zusammen sitzt. Und immer bleibt auch Zeit für Gespräche. Gespannt lausche ich den Geschichten, die aus früheren Zeiten erinnert werden.
Wie es früher war und was heute geblieben ist
Früher, so klingt es, war es getragener. Die Märkte begannen mit einer feierlichen Eröffnung, begleitet von Orchester- und Chormusik. Der Vereinsvorstand hielt Reden und die Aussteller und ihre Arbeiten wurden vorgestellt. Außerdem gab es Konzerte und attraktive Festvorträge, wie im Jahr 1986, als die Referentin Mieke Schreurs-Stevens über das Osterbrauchtum in den Niederlanden vortrug. Heute ist Mieke ein langjähriges und lieb gewonnenes Vereinsmitglied. Und sie ist noch immer Ausstellerin auf den Märkten.
Der Ostermarkt war damals, vor über 20 Jahren, eine Seltenheit in der Region. Das war neu und das gab es in der Form nicht. Die Qualität des Marktes war sehr hoch: die besten EiermalerInnen waren zugegen und stellten künstlerisches Brauchtum aus. Sowohl an Ostern als auch im Advent wurden europäische Bräuche vorgestelllt. Damals wie heute. Aber über die lange Tradition unserer Oster- und Adventsmärkte hat sich viel geändert. Noch immer sind hervorragende Eiermaler und Krippenbauer vertreten, andere Werkstoffe und Kunsthandwerke sind hinzugekommen. Mit ihnen natürlich neue Aussteller, die unseren Verein unterstützen.
Anders als zu Beginn der Märkte steht heute weniger der Idealismus als der Kommerz im Vordergrund. Nicht immer sind unsere eigentliche Vereinsarbeit und die ursprüngliche Idee bekannt. Bei den Ausstellern, die schon lange Jahre zu den Märkten gehören, hört man heraus, dass ihr eigenes Wissen um den Verein und die Europäische Jugendwoche vor allem ein Verdienst von drei Personen ist: Renate Vigelahn, die mit viel Engagement die Märkte gestaltet hat; die „Missionarin“ Hella Heynmöller, die als Gründerin der Europäischen Jugendwoche ihre Idee immer und überall verbreitet hat und natürlich der unvergessene Fritz Lenz, der kreative und ideenbringende „Menschenfänger“, der einfach alle Menschen zusammenführen konnte.
Und auch das hat sich verändert: Viele der prägenden Figuren sind verstorben. Man kann ihren Platz nicht füllen. Aber andere, jüngere Mitglieder haben den Verein und die Märkte bis heute erhalten. Und das funktioniert: viele der Aussteller halten uns seit Jahren, wenn nicht sogar von Anfang an, die Treue. Trotz mancher Widrigkeiten.
Wetter-Kapriolen
Wie zum Beispiel damals bei dem Ostermarkt, als es minus 18°Celsius kalt war. Die Burg war noch nicht so modern wie heute und nach einer kalten Nacht unter einem Stapel dicker Decken wartete man, dass gegen fünf Uhr am Morgen die alte Koks-Dampf-Heizung mit einem lauten Knall ansprang.
Egal ob Advent oder Ostern: das Wetter während der vergangen Märkte ist allen Ausstellern in Erinnerung geblieben. Allerdings war es im Frühjahr oft noch verschneiter als im Advent. Und Schnee, Eis sowie klirrende Kälte ließen nicht nur um die erwarteten Besucher fürchten. Manches Mal kamen die Aussteller selbst nicht auf der Burg an. Der Burgberg war so vereist, dass keine Wagen den Weg passieren konnten. Erst am nächsten Morgen wurden die Autos mit einem Allrad-Fahrzeug den Berg hinauf geschleppt. Das wird genauso erinnert wie auch das schlimme Schneegewitter auf dem Heimweg vom Ostermarkt.
Aber trotz der klirrenden Kälte und der manchmal ungünstigen Wetterverhältnisse kamen die Besucher in Scharen. Da ist die Rede von einem Ostermarkt auf der Burg, zu dem tatsächlich 6000 Besucher erschienen sind. Oder das andere Mal, als der Markt aus Platzgründen in der Universität in Witzenhausen stattfand, trotzdem aber so viele Besucher kamen, dass die Eintrittskarten längst nicht gereicht haben und die Menschen nur in kleinen Gruppen eingelassen werden konnten. Der Markt war übervoll. Doch die Besucher standen mit Regenschirmen geduldig in der Schlange und warteten. Vielleicht weil es für sie ähnlich ist wie für eine der Ausstellerinnen: erst mit dem Adventsmarkt beginnt die ruhige und besinnliche Weihnachtszeit und erst mit dem Ostermarkt wird der Frühling eingeläutet. Auf jeden Fall sind die Märkte für viele der Aussteller etwas ganz besonderes.
Sonderbare und erinnerungsträchtige Momente
Und es gibt im Nachhinein auch immer sehr lustige Erinnerungen. Mal wieder war es sehr kalt auf dem Markt, die Pflastersteine im Burghof waren von einer Eisschicht überdeckt und die Besucher drängten in die Ausstellungsräume. Unter ihnen befand sich eine alte Frau, die auf Grund des Wetters und des starken Andrangs vom Söller aus den Burghof hinauf geschoben werden musste. Glücklicherweise ist sie unbeschädigt angekommen.
Doch der Hof blieb voll mit Menschen. Die vielen kleinen Räume der Burg, auf die sich der Markt verteilt, waren überfüllt. Niemand kam so recht an die Stände heran. Da wussten sich Besucher und Aussteller zu helfen: Im Meißnerzimmer wurden die Waren durch ein geöffnetes Fenster an die Wartenden im Hof verkauft.
Nach einem solchen Ansturm hätten die Markthelfer und Aussteller eigentlich des Abends müde ins Bett sinken müssen. Doch das Gegenteil war der Fall. Durch die Burg hallte des Nachts ein vielstimmiges Klopfen. Ja richtig: der Hahnentritt. Den gab und gibt es immer. Doch damals, als auf der einen Seite der Klause die Männer und auf der anderen Seite die Frauen saßen, gab es ihn nur in den kurzen Pausen. Die beiden Geschlechter lieferten sich nämlich über drei Stunden hinweg einen Gesangswettstreit. Immer neue Lieder mussten auf jeder Seite gefunden werden, um die anderen zu übertrumpfen. Nur kurz unterbrochen von den Pausen mit dem Kräuter-schnaps Das Klopfen der kleinen Fläschchen wurde zu einem Dröhnen in der ganzen Burg. Und die Nacht scheint bis heute unvergessen.
Die Märkte: Spiegel der Vereinsidee
Obwohl jetzt viel über die Märkte gesagt wurde, ist jedoch eins klar: die Aussteller sind wichtig für die Durchführung der Märkte, und noch viel mehr sind sie lieb gewonnene und langjährige Freunde. Einige von ihnen sind dem Verein beigetreten, besuchen die Eurowoche und unterstützen den Verein bei außergewöhnlichen Aktivitäten in der Region.
Damals wie heute bedeutet ein Markt viel Arbeit. Außer am Abend gibt es nur wenig Zeit zum Plaudern. Früher gab es aus dem Grund viele gemeinsame Unternehmungen. Aussteller und Mitglieder konnten sich zum Beispiel beim Wandern näher kennen lernen. Auch durch die Krippenfahrten, während denen im In- und Ausland verschiedene Krippenausstellungen besucht wurden, konnte der Kontakt zwischen den Märkten gehalten werden.
Und es wurde zusammen Neues entdeckt. Direkt nach der Grenzöffnung hat Fritz Lenz einen Ostermarkt in Heiligenstadt, in der ehemaligen DDR, organisiert. Fritz ist zusammen mit einigen Ausstellern nach Thüringen gefahren und die neuen Kontakte von damals währen bis heute. Wie bei vielem stand auch bei dieser Fahrt die Idee der Eurowoche Pate. Es war klar, dass auf Grund der allgemeinen Situation und der noch uneinheitlichen Währung nichts verkauft werden konnte. Trotzdem sind die Aussteller seinerzeit mitgefahren. Der Gemeinschaft wegen.
Das ist es auch, was viele von den Ausstellern, deren Erzählungen ich höre, an unserem Verein schätzen: Die Gemeinschaft und auch der Teamgeist. Das zählt bei der Durchführung der Märkte ebenso wie während den abendlichen Essen und Veranstaltungen. Als sehr positiv gilt auch die große Toleranz dem Anderen gegenüber, trotz und gerade wegen den großen Unterschieden bei den Mitgliedern. Und so herrscht auf den Märkten im Kleinen, was wir während der Europäischen Jugendwoche im internationalen Stil zu beherzigen versuchen. Die Kommunikation mit den Menschen, die die Bereitschaft birgt, den Anderen kennen zu lernen und somit die Vorurteile abzubauen. Eine Ausstellerin, die zusammen mit ihrem Mann regelmäßig die Eurowoche besucht, findet die Veranstaltung gerade deshalb wichtig, weil sie das Klischeedenken verhindern kann. „Dass man auch nicht immer das Trennende sucht, sondern eben das Verbindende.“
Es sind allesamt schöne Geschichten, denen ich lausche. Doch eine Anekdote, finde ich, fasst das alles gut zusammen. Vor 13 Jahren wollte eine der Ausstellerinnen das erste Mal ihre Produkte auf dem Ostermarkt, der damals in der Mensa in Witzenhausen stattfand, anbieten. Sie hatte im Vorfeld alles mit Renate besprochen. Als sie dann den großen Saal betrat, waren dort zahlreiche Menschen mit dem Aufbau beschäftigt, doch sie kannte keinen und wusste nicht, wo sie hingehörte. Schließlich kam eine Eiermalerin in Tracht auf sie zu. Aber statt einer Antwort auf die Frage, wo man sich denn anmeldet, hat sie die „Neue“ erst einmal in den Arm genommen.
Epilog
Ich danke den nachgenannten Ausstellern und Ausstellerinnen für das, was ich über meinen Verein lernen durfte:
Elke und Eberhardt Voigt
Brigitte und Josef Gelzhäuser
Christa Schlüter
Liselotte Mandler
Wolfgang Hahn